Dienstag, 19. Juli 2016

Meine Mutter ...

... hat mir in meinem Leben schon viele Stunden Nachtschlaf geraubt. In der vergangenen Nacht kamen wieder einmal ein paar dazu. Ich glaube, ich habe inzwischen in meinem Leben mehr Nächte ihretwegen durchwacht, als sie meinetwegen.

Seit gestern Vormittag, so nehme ich jedenfalls an, ist ihr Internet kaputt. Sagt sie jedenfalls. Sie tippt mit dem Zeigefinger, dieser typische Smartphonetipper, zum Beispiel auf einen Haufen sauberer Unterhosen, die auf ihrem Bett liegen und sagt: "Siehst du, das Internet ist kaputt." Auf die Frage warum das Internet kaputt und was passieren sollte, kommt die Antwort: "Sonst drücke ich hier (Fingertipper auf den Haufen) und dann sind sie im Schrank." Mmmhhhmmm ja ...
Sie konnte gestern nicht zum Arzt gehen, weil das Internet kaputt ist. Sie konnte sich auch nicht anziehen, weil das Internet kaputt ist und die Sachen eben nicht per Fingertipp an ihren Körper springen. Das haben wir dann gemeinsam im guten alten Handbetrieb erledigt. Ich bezweifle aber sehr, dass sie heute noch weiß, dass das auch ohne Internet geht.
Das schlimmste an der Situation gestern war, dass einem niemand wirklich helfen kann, weil meine Mutter keine Hilfe will. Ihr geht es gut. Sagt sie.

Ihr Hausarzt, denn ich gleich sofort erst einmal anrief, hatte mir geraten mit ihr ins Krankenhaus zu fahren. Das wollte sie nicht. Zwingen kann ich sie nicht. Immerhin hat sie sich darauf eingelassen heute mit mir zu ihrem Hausarzt zu gehen. Gestern wollte sie nicht ... "Keine Lust. Bin doch nicht bescheuert."

Als ich gehen wollte, zeigte sie mir noch einmal sehr eindrucksvoll, wie kaputt ihr Internet ist. Es war ihr nicht mal möglich eine Flasche aufzuschrauben und daraus zu trinken, weil so eine Flasche per Fingertipp eben nicht geht und alle anderen Möglichkeiten aus dem Gehirn verschwunden sind.

Im Auto sitzend habe ich dann beschlossen, dass das so nicht geht und habe erst einmal meine große Schwester angerufen, die seit zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter hat. Ja, das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter ist auch nicht das beste ... aber ich bin gut dressiert und habe mich immer gekümmert ...
Die große Schwester wusste auch erst mal keinen Rat, gab mir aber die Telefonnummer eines befreundeten Arztes. Der gab mir den Tipp beim Sozial-psychiatrischen Dienst anzurufen und um Hilfestellung zu bitten. Die wollten mich erst abwimmeln, aber als sie hörten, dass der Zustand ganz frisch ist, haben sie mich weitergeleitet. Der Mann hatte keine Zeit, versprach aber einen Rückruf. Hat er auch gemacht. Helfen konnte er mir auch nicht, aber er verwies mich an den Bereitschaftsarzt, der sich dann tatsächlich bereit erklärte, trotz großer Grauzone, vorbeizukommen.
Er kam sogar relativ schnell. Das kenne ich anders. Ich musste nur einen halbe Stunde auf der Straße auf und ab gehen. Das war gerade noch im Rahmen, denn ich musste aufs Klo.

Als ich mit dem Arzt hoch ging, wusste ich nicht, was ich sagen soll, weil meine Mutter ja nichts wusste und ich genau das getan hatte, was sie nicht wollte. Über die Worte, die dann ganz von selbst aus mir herausflossen, war ich irgendwie neben mir stehend und beobachtend, ganz begeistert. Irgendwie klang das gut, schlüssig, sinnvoll ... "Ach, hier sitzt du. Kuck mal, ich habe jemanden mitgebracht. Einen Arzt. Weil ich mir große Sorgen um dich mache." Kann man doch nicht meckern ...?

Zum Glück war meine Mutter erst einmal milde und sprach mit dem Arzt und zeigte ihm auch gleich,  dass mit ihr nichts ist, sondern nur ihr Internet kaputt ist. Sie nahm die Fernsehzeitung, tippte auf die Seite, kuckte zum Fernseher und sagte: "Sehen Sie?! Geht nicht. Das Internet ist kaputt, aber mir glaubt ja keiner und meine Tochter kriegt das, was sie kaputt gemacht hat, nicht wieder ganz." Dafür hätte ich sie knutschen können. Ich hatte schon Angst vor dem Vorführeffekt.

Nach langem Hin und Her haben der Arzt und ich uns darauf geeinigt, dass wir auf die Zwangseinweisung mit Polizei und dem ganzen Drum und Dran verzichten, weil sie versprochen hat heute mit mir zu ihrem Hausarzt zu gehen. Und da niemand so schnell verhungert und verdurstet, sie keine Gefahr für sich ... klassischen Sinne und andere ist, ihr wenn es ein Schlaganfall gewesen sein sollte, nein, sie hat keine körperlichen Ausfälle, aber auch ohne geht Schlaganfall, wäre es für eine Direkthilfe, ich nenn das jetzt mal so, weil ich das Wort vergessen habe, sowieso zu spät gewesen und ob sie die Tabletten, die sie in so einem Fall bekommen würde gestern oder erst heute bekommt, ist egal.

Als ich sie gestern Abend gegen halb acht noch einmal angerufen habe, klang sie relativ klar. Sie hatte ferngesehen ... 'Wer weiß denn sowas'. Was zumindest zeigte, dass sie behalten hatte, wie man den Fernseher anmacht. Nur ihre Tabletten konnte sie nicht nehmen, weil das Internet nicht geht. Aber das ist nicht schlimm, hat sie mir versichert. Darüber reden wir heute ...

Ich bin sehr gespannt, was mich nachher erwartet und habe eine heiden Angst vor dem, was auf mich zu kommt!

Des Menschen Wille ... arrrgh!

Kommentare:

  1. Oh je. Da hast du auch dein Paket zu schleppen. Schlimm ist eben, wenn die alten Leute nicht einsichtig sind. Aber sie können meist nichts mehr dafür. Zum Glück ist meine Schwiegermutter mit fast 92 noch sehr klar im Kopf.
    Alles Liebe und Gute! Und gute Nerven und eine gute Lösung zu finden!
    Ellen

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  2. Großer Gott . . . das war das erste, was mir einfiel, als ich mit dem lesen fertig war.
    Du Arme, das ist ja furchtbar.
    Ich hätte keine ruhige Minute mehr an deiner Stelle.
    Kann man da wirklich nichts machen?
    Deine Mutter wäre doch in einem Heim besser aufgehoben.
    Liebe oder Verpflichtung der Mutter gegenüber hin oder her.
    So kann man das doch nicht lassen.
    Bitte entschuldige diese direkten Worte, aber ich denke du hast ein Recht auf ein Leben ohne solche Belastungen.
    Ich erlebe immer wieder, wie sehr Töchter unter einer dementen Mutter leiden und sich nicht entschließen können ihre Mutter los zulassen.
    Die ganze Familie wird da in Mitleidenschaft gezogen.
    Ich finde das nicht richtig.
    Es muss eine Lösung geben !
    Aber das ist halt meine persönliche Einstellung und jeder Mensch reagiert anders.
    Wenn du denkst, dass ich diese Worte zu anmaßend sind, kannst du diesen Kommentar auch löschen.
    Jedenfalls wünsche ich dir ganz viel Kraft und wünsche dir von Herzen, dass du gut mit dem Problem deiner Mutter klar kommst.
    ♥liche Grüße


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  3. oh Pia, das ist ja garnicht schön. Meine Mutti ist 89 geworden, hatte mit ca. 83/84 einige Probleme, allerdings der Kopf funktionierte bis zuletzt. Nur konnte sie nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben, da sie teilweise zu wenig getrunken und gegessen hat und obwohl ich jeden Tag bei ihr nach der Arbeit, oft auch davor, vorbeigeschaut habe. Als sie dann nach verschiedenen Krankenhausaufenthalten wg. Darminfektionen und einem Magengeschwür doch bei uns in der unmittelbaren Nähe in einem Altenheim ein schönes Zimmer bekam, war ich meine täglichen/nächtlichen Sorgen - denn immer wenn das Telefon ging, bekam ich ersteinmal Panik - los und ich habe es im Nachhinein nicht bereut das wir gemeinsam diesen Schritt gemacht haben. Sie hat dort noch schöne 5 Jahre verbracht und ich würde es immer wieder machen. Es ist ein schwerer Weg und er kostet ganz viel Kraft, die ich Dir von ganzem Herzen wünsche, aber am Ende bist Du bestimmt dankbar, wenn Du ihn gemacht hast. Ganz liebe Grüße sendet Dir Christiane.

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